{"id":5448,"date":"2014-07-19T21:51:42","date_gmt":"2014-07-19T21:51:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/?p=5448"},"modified":"2014-11-04T09:28:08","modified_gmt":"2014-11-04T09:28:08","slug":"einblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/einblick\/","title":{"rendered":"Zur Entstehungsgeschichte des Films \u201eEin-Blick\u201c"},"content":{"rendered":"<h1><strong style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">von Gerd Conradt<\/span><\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">1955 bin ich von Th\u00fcringen nach West-Berlin gekommen. 1961 habe ich den Bau der Mauer erlebt. Hilflos sahen wir zu, wie mitten durch die Stadt eine Mauer gebaut wurde. In den Jahren davor war ich oft in Ostberlin gewesen \u2013 hatte alte und neue Freunde besucht, g\u00fcnstig B\u00fccher und Lebensmittel eingekauft, war essen gegangen und zum Fris\u00f6r, hatte meine Filme entwickeln und Fotos abziehen lassen \u2013 alles f\u00fcr den Umtausch von 1:5, eine Westmark f\u00fcr f\u00fcnf Ostmark. F\u00fcr uns Westberliner war die Mauer nicht so schlimm wie f\u00fcr die Menschen in der DDR. Wir konnten zwar nicht mehr nach Ostberlin oder ins Umland, aber doch in die weite Welt reisen, per Transit mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug. Wir richteten uns ein, die Stadt wurde subventioniert, jeder bekam zu seinem Lohn eine Berlinzulage. Viele, die nicht zum \u201eBund\u201c wollten, zogen nach West-Berlin. 1968 brodelte die Stadt \u2013 ich war mit dabei. Wir liefen mit roten Fahnen durch die Stadt, das erz\u00fcrnte die Westberliner B\u00fcrger. Besucher f\u00fchrten wir selbstverst\u00e4ndlich zur Mauer. Man stellte sich auf eine der Aussichtsplattformen, die es entlang der Mauer in West-Berlin gab und schaute mit Trauer und Mitgef\u00fchl hin\u00fcber zu den \u201eBr\u00fcdern und Schwestern\u201c im anderen Teil der Stadt.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Zum 25. Jahrestag des Mauerbaus, im September 1986, wollte ich einen k\u00fcnstlerischen Beitrag leisten, einen Film drehen, der diesen absurden Zustand aufzeigen sollte. Bei meinen Spazierg\u00e4ngen entlang der Mauer hatte ich in Neuk\u00f6lln eine Situation entdeckt, die es in Berlin nur noch selten gab. Zwei sich gegen\u00fcber stehende H\u00e4user wurden durch die mitten auf der Stra\u00dfe verlaufende Mauer getrennt. Ich fragte mich, wie das wohl sei, wenn man aus dem Fenster in eine Wohnung schaut, die in einem anderen Staat liegt &#8211; sozusagen \u00fcber den \u201eEisernen Vorhang\u201c blickt und das Alltagsleben im sozialistischen Deutschland miterleben kann.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Ich hatte erfahren, dass Besucher maximal zehn Minuten auf einer Aussichtsplattform verweilten und von dort nach Ost-Berlin schauten. Aus dieser Beobachtung entstand die Idee, einen Zeitraffer-Film zu machen, der in zehn Minuten zw\u00f6lf Stunden eines Tages zeigt. In dem Haus auf der Westseite suchte ich mir eine Wohnung, aus der ich \u2013 \u00fcber die Mauer \u2013 zum Osthaus blicken konnte. Zw\u00f6lf Stunden lang machte meine 35-mm-Filmkamera pro Sekunde ein Bild. Daraus ist der Film \u201eEin-Blick\u201c entstanden. Er hat eine L\u00e4nge von zehn Minuten.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Zu unserer Freude schien an diesem Tag die Sonne. Die Bewohner des Osthauses und die Volkspolizisten aus dem Wachturm in unmittelbarer N\u00e4he zu den beiden H\u00e4usern sahen die gro\u00dfe Kamera und vermuteten, dass etwas Besonderes passieren w\u00fcrde. Die Menschen im Osthaus, die wahrscheinlich immer nur kurze Zeit auf dem Balkon sein durften, dachten sich Anl\u00e4sse aus, um das vermutetet Ereignis miterleben zu k\u00f6nnen: sie pflanzten Blumen um, h\u00e4ngten W\u00e4sche auf, legten Betten zum L\u00fcften heraus, stellten einen Kinderwagen auf den Balkon, standen rauchend am offenen Fenster\u2026.. Es war wie in einem absurden Theaterst\u00fcck. Die Volkspolizei war nat\u00fcrlich aufgeregt. Wir wurden beobachtet, fotografiert, sie telefonierten: \u201eHallo, hier ist der Gefreite M\u00fcller, ich sehe da oben in einem Haus in West-Berlin eine gro\u00dfe Kamera! Was sollen wir tun?\u201c Offiziere kamen und gingen. Sie blickten ungl\u00e4ubig nach oben \u2013 zu unserer Kamera, die nichts weiter tat, als sie zu beobachten.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Der \u201eSlapstick-Charakter\u201c des Films unterstreicht die Unwirklichkeit der Situation. Menschen rennen, Wolken fliegen, auf- und abschwellende Schatten dramatisieren das Geschehen. Die Mauer und ihre Bewacher erscheinen wie Figuren aus der popul\u00e4ren DDR-Sendung Sandm\u00e4nnchen. Denn die Volksarmisten kommen tats\u00e4chlich mit dem \u201eTrabbi\u201c.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Der Film wurde zu einem einzigartigen Dokument, er zeigt und kommentiert durch seinen Stil\u00a0<\/span><\/strong><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">eine historische Situation, die politisch, milit\u00e4risch, \u00e4sthetisch einzigartigartig auf der Welt war, die nicht nur Berlin, sondern die Welt in zwei gro\u00dfe Machtbl\u00f6cke teilte.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Der Pianist Frederic Rzewski unterstreicht den aufkl\u00e4rerischen Charakter des Films durch seine von ihm gespielte Komposition nach dem Thema des Volksliedes \u201eDie Gedanken sind frei\u201c.<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">\u00a9 Gerd Conradt 2014<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gerd Conradt 1955 bin ich von Th\u00fcringen nach West-Berlin gekommen. 1961 habe ich den Bau der Mauer erlebt. 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