{"id":4572,"date":"2014-06-27T15:44:29","date_gmt":"2014-06-27T15:44:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/?page_id=4572"},"modified":"2014-10-13T15:47:10","modified_gmt":"2014-10-13T15:47:10","slug":"franz-john","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/ausstellung\/franz-john\/","title":{"rendered":"FRANZ JOHN"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-5912\" src=\"http:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/interzone-300x300.jpg\" alt=\"interzone\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/interzone-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/interzone-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/interzone-624x624.jpg 624w, https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/interzone.jpg 648w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<h1><span style=\"color: #c0c0c0;\">interzone revisited<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"><em>\u00bbIch will h\u00f6chstens nebenbei zur Kunst kommen.\u00ab<\/em>\u00a0 Harun Farocki<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\">So ist das mit Geschichte, sie ist kein festes Ding. Sie begegnet einem wieder und wieder, im Kreis, oder in zerkl\u00fcfteten R\u00e4umen. Heute ist der 28. August 2014, und eine Eilmeldung der F.A.Z. teilt mir \u00fcber meinen Newsfeed mit, dass das russische Milit\u00e4r nach Angaben des ukrainischen Pr\u00e4sidenten Petro Poroschenko mit einer Invasion der Ukraine begonnen habe. Bei Spiegel-Online lese ich, dass die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas heute h\u00e4lt. Auf der Facebooksite von Al Jazeera finde ich einen einige Tage alten Artikel, in dem der Hamas empfohlen wird, ihre Raketen auf die Mauer um den Gazastreifen zu schie\u00dfen, um sie niederzurei\u00dfen, anstatt zu versuchen, Tel Aviv zu treffen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Aktuell dreht sich das Weltgeschehen also um andere Mauern und Grenzen. Die Sache mit der Mauer, die einmal um West-Berlin herum gestanden hat und l\u00e4ngst niedergerissen ist, ist jetzt schon, nach 25 Jahren, so weit fortgeschritten, dass ihre eigene Geschichtsschreibung eine Geschichte hat. Vor einigen Tagen schickte mir Franz John einen Artikel \u00fcber seine CD-Rom interzone, den ich 2001 geschrieben habe. interzone war 1999 frisch erschienen. Ich lese darin den Satz: \u00bbIn die Chausseestra\u00dfe eingelassene Silhouetten von Kaninchen sollen die Daseinsform bedeuten, in der man sich im Sperrgebiet noch unbehelligt aufhalten konnte.\u00ab und denke, diesen Satz habe ich geschrieben? Ich frage mich, wann ich wohl damit aufgeh\u00f6rt habe, das Wort \u00bbDaseinsform\u00ab zu benutzen? Ich denke, es ist eigentlich ganz nett, das Wort \u00bbDaseinsform\u00ab. Ich sollte es wieder benutzen, \u00f6fters. Dann denke ich, was f\u00fcr eine Daseinsform hat eigentlich die CD-Rom interzone? Was f\u00fcr eine Daseinsform hatte sie damals, 2001, und was f\u00fcr eine hat sie heute, 2014?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Ich lese meine damalige Beschreibung einer ihrer Inhalte wieder: \u00bbSo kann man in etwa sechs Minuten &#8211; wenn man mag, an drei Stellen gleichzeitig &#8211; durch den Mauerstreifen rasen. Es sind kurze Schnitte, jeweils mit Ton. Meistens ist die Landschaft mit br\u00fcchiger Mauerlinie und ver\u00f6deten Grenzanlagen menschenleer, die V\u00f6gel zwitschern, die Grillen zirpen und die Sonne scheint, ab und zu ert\u00f6nt ein fernes Donnergrollen. Einmal knattern Grepos auf ihren Motorr\u00e4dern vorbei, oder man h\u00f6rt Gespr\u00e4chsfetzen, ein Lachen, Spitzhacken, Pre\u00dflufth\u00e4mmer. Kurz sieht man die zu den Ger\u00e4uschen geh\u00f6rigen Menschen, sie verschwinden wieder, abgel\u00f6st von einer langen Strecke Stille. Ein Schu\u00df, der pl\u00f6tzlich laut und trocken knallt, erschreckt; das Qu\u00e4ken eines Radios, dazu kaum eine Sekunde lang ein Liegestuhl mit aufgeschlagener Zeitung im Bild, ber\u00fchrt. Alles geht viel zu schnell. Wie in Wirklichkeit. \u00ab Alte Rechtschreibung. Aha! Aber ansonsten stimmt das immer noch. Man rast mit Hilfe eines Quicktime-Players durch diese befremdliche Runde eines der befremdlichsten Orte, die es jemals auf dieser Welt gegeben hat. Diese ungeheuerliche Umbruchgegend. Einmal herum in sechs Minuten. interzone macht&#8217;s m\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Alles andere an interzone sehe ich jetzt anders. Damals sollte ich eine CD-Rom besprechen, die zu dokumentarischen Zwecken an der Mauergedenkst\u00e4tte Bernauer Stra\u00dfe in Berlin anzusehen und zu kaufen war. Heute besuche ich sie wieder als ein Objekt, das bald in einer Filmausstellung im Zeughauskino zu sehen sein wird. Damals kannte ich die Arbeit von Franz John noch nicht. Heute kenne ich sie genauer. Das \u00e4ndert die Perspektive.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Interzone ist nicht die Arbeit eines Dokumentarfilmers und nicht die Arbeit eines Historikers. Hier ist jemand eindeutig mit k\u00fcnstlerischer Motivation unterwegs gewesen. Und zwar genau mit der k\u00fcnstlerischen Motivation, mit der Franz John an alle seine Projekte herangeht. Es geht ihm immer um eine \u00e4sthetische Erfahrung, die medial auf den K\u00f6rper des Betrachters \u00fcbertragen wird. Seine Methode ist, den Betrachter in einen Erfahrungsraum eintreten zu lassen. Entweder ist dieser Raum eine medial konstruierte Situation, wie bei Turing Tables, wo man einen mit auralisierendem Datensound und buchst\u00e4blicher Datenprojektion bespielten Raum betreten kann, in dem einem die Erdbeben in den K\u00f6rper fahren. Oder es sind inszenierte Rundg\u00e4nge, die einen mit auf einen Grenzgang nehmen. Wie beispielsweise bei der Salztangente, wo man die unterirdische Topographie einer Bodenbeschaffenheit, n\u00e4mlich die Menge von Salz im Boden entlang einer 90 Kilometer langen Salzader zwischen Bocholt und Gronau, vermittels einer skulpturalen Installation aus blauen Stabfeldern sehen und entlang fahren kann. Je mehr Salz sich unter einem befindet, desto eindringlicher wirken die blauen Metallstangen, die aus dem Boden ragen. Eine skulpturale Visualisierung geologischer Information. Man erf\u00e4hrt sie. Am besten mit dem Fahrrad. Die \u00e4sthetische Erfahrung, die aus der Verbindung zwischen Salz und St\u00e4ben entsteht, passiert nebenbei. Der Betrachter bekommt keine Dramaturgie, sondern eine Situation und ein Fahrrad. Dann soll er zusehen, was er daraus macht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Genauso auch bei interzone. Der Betrachter bekommt ein in einen Raum installiertes und an entsprechende Endger\u00e4te f\u00fcr den betrachtergem\u00e4\u00dfen Output angeschlossenes Objekt. In diesem Fall eine CD-Rom; &#8211; ein Speicherformat, das heute, zur Zeit von serverbasiertem Breitbandstreaming und communityorientierten iPadmagazinen, selbst schon museal geworden ist. Sie ist in diesem Fall durch eine per Computermaus interaktiv gemachte Monitors\u00e4ule im Foyer des Zeughauskinos zu benutzen. Man bekommt den Hinweis \u00bbRechts ist Westen, links ist Osten\u00ab. Dann soll man zusehen, was man damit macht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Man kann sich durch die Sammlung durchmischter Fundst\u00fccke mit Mauerassoziation suchen, die John unter der Benutzungsoberfl\u00e4che seiner interzone vergraben hat. Alte aus dem Mauerstreifen gegrabene Kinokarten aus dem untergegangenen Ostberlin kann man mit einem Mausklick abstauben. Das ist wie Arch\u00e4ologie im eigenen Ged\u00e4chtnis mit k\u00fcnstlerischer Unterst\u00fctzung. Oder man kann durch diese Quicktime-Kamerafahrten rasen, die John aus seiner Umrundung des Mauerstreifens erstellt hat, die er mit dem Fahrrad machte, mit der kleinen Video-8-Kamera im Gep\u00e4ck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Vor dem Hintergrund, dass hier ein K\u00fcnstler unterwegs gewesen ist, der ein k\u00fcnstlerisches Programm verfolgte, das seiner k\u00fcnstlerischen Natur gem\u00e4\u00df ist, kann man den Film in der interzone als das Dokument einer Land-Art-Performance anschauen. Da hat sich jemand mit seinem K\u00f6rper einer Situation ausgesetzt. Sie durchlebt und durchlaufen. Er hat sie als beschaulich empfunden, wenn wie V\u00f6gel zwitscherten, als voyeuristisch, wenn jemand mitten im Todesstreifen im Feinrippunterhemd auf einem Klappstuhl sa\u00df und Radio h\u00f6rte, als bedrohlich, wenn ihm die vereinzelt in der Peripherie der Mauer zur\u00fcckgebliebenen und bewaffneten Grenzpolizisten auf ihren Motorr\u00e4dern der Marke MZ entgegenknatterten, als erschreckend, wenn aus der Ferne ein Schuss fiel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Das ist die Daseinsform, die interzone im Jahr 2014 f\u00fcr mich angenommen hat. Sie ist ein kunstkompatibles Objekt geworden, das nun zu Recht in ein Museum kommt. Ich w\u00fcrde empfehlen, wenn man Lust hat, sich meiner Lesart anzuschlie\u00dfen, sich beim Betrachten in den Kameramann hineinzuversetzen und nachzuempfinden, wie er die Situationen erlebt haben k\u00f6nnte, die ihm bei seiner Rundfahrt durch den Todesstreifen im Jahre 1990 begegnet sind. So k\u00f6nnte es sein, dass sie sich als leise Spur, als Hintergrundger\u00e4usch ins K\u00f6rperged\u00e4chtnis schreiben, darin andere Erinnerungen kommentieren und sich integrieren in den zerkl\u00fcfteten Raum der Grenzgeschichten unserer Zeit, die einem wieder und wieder begegnen. Im Kreis. Denn so ist das mit Geschichte.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Thomas Goldstrasz<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Fu\u00dfnoten:<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> \u2022 Das Zitat von Harun Farocki stammt aus: Harun Farocki, Quereinfluss\/Weiche Montage, in: Thomas Martin, Erdmut Wizisla (Hrsg.), Brecht plus minus Film, Berlin: 2003, S. 121.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> \u2022 Die Zitate aus dem erw\u00e4hnten Zeitungsartikel stammen aus: Thomas Goldstrasz, Rechts ist Westen : Franz John hat 1990 den Todesstreifen der Mauer gefilmt, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.07.2001, S. BS2<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"> \u2022 Das Wort \u00bbDasein\u00ab stammt von Martin Heidegger, wurde vor allem in seinem Buch Sein und Zeit (1927) entwickelt und ausschlie\u00dflich auf Menschen zur Anwendung gebracht. Dass der Autor dieses Textes daraus das Wort \u00bbDaseinsform\u00ab bildete und es auf Kaninchen und sp\u00e4ter sogar auf CD-Roms zur Anwendung brachte, w\u00fcrde Heidegger vielleicht als Grenzerfahrung in Sachen Wortkombination und Wortverwendung empfunden haben, mindestens als Holzweg, und damit dreht es sich. Im Kreis.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\"> Vita<\/span><\/strong>\u00a0:\u00a0<span style=\"color: #c0c0c0;\">Franz John besch\u00e4ftigt sich mit neuen und alten Medien an der Schnittstelle zwischen menschlicher und maschineller Wahrnehmung. Seine Bilder, Objekte und Rauminstallationen entstehen meist \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume und sind komplexe Darstellungen kollektiver, oft automatisierter Sehprozesse, die er selbst als &#8222;realit\u00e4tsarch\u00e4ologische Studien&#8220; beschreibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\">Thomas Goldstrasz ist freier Autor und schreibt u.a. f\u00fcr die FAZ\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>interzone revisited \u00bbIch will h\u00f6chstens nebenbei zur Kunst kommen.\u00ab\u00a0 Harun Farocki So ist das mit Geschichte, sie ist kein festes Ding. Sie begegnet einem wieder und wieder, im Kreis, oder in zerkl\u00fcfteten R\u00e4umen. Heute ist der 28. 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