{"id":4460,"date":"2014-06-27T12:05:54","date_gmt":"2014-06-27T12:05:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/?page_id=4460"},"modified":"2015-03-13T10:06:47","modified_gmt":"2015-03-13T10:06:47","slug":"ein-blick","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/filmprogramm\/ein-blick\/","title":{"rendered":"EIN-BLICK"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #c0c0c0;\"><strong>BRD 1987, R: Gerd Conradt, K: Carlos Bustamante, M: Frederic Rzewski, 10&#8242;,<\/strong><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_5992\" style=\"width: 794px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5992\" class=\"size-full wp-image-5992\" src=\"http:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/einblick032.jpg\" alt=\"Ein-Blick - Der Kameramann Carlos Bustamente bei der Arbeit -  Foto: Gerd Conradt 1986\" width=\"784\" height=\"539\" srcset=\"https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/einblick032.jpg 784w, https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/einblick032-300x206.jpg 300w, https:\/\/www.virtual-archive.org\/borderland\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/einblick032-624x429.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 784px) 100vw, 784px\" \/><p id=\"caption-attachment-5992\" class=\"wp-caption-text\">Ein-Blick &#8211; Der Kameramann Carlos Bustamente bei der Arbeit &#8211; Foto: Gerd Conradt 1986<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Grenzalltag an der Elsenstra\u00dfe 41. Einen Tag lang blickt eine Kamera in den Grenzstreifen zwischen Treptow und Kreuzberg: zw\u00f6lf Stunden lang ein Bild pro Sekunde. Wachwechsel, Turnstunde und Balkonminiaturen. Gerd Conradt zu seinem Film: <em>&#8222;Die Grundidee war eigentlich, dass ich gesehen habe und mich auch selbst so verhalten habe, dass alle West-Berlin Besucher nat\u00fcrlich zur Mauer gegangen sind, inklusive Herrn Kennedy und allen anderen Politikern. Und die sind dann auf so ein Treppchen gegangen und haben dann ungef\u00e4hr so f\u00fcr f\u00fcnf, maximal f\u00fcr zehn Minuten nach Ost-Berlin geguckt. Diese zehn Minuten wollte ich gerne nutzen und hab gedacht, wenn ich einen Zeitraffer-Film mache, dann k\u00f6nnte ich in zehn Minuten vielleicht zw\u00f6lf Stunden zeigen.&#8220;<\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><span style=\"color: #c0c0c0;\">Zur Entstehungsgeschichte des Films \u201eEin-Blick\u201c<\/span><\/strong> <em><span style=\"color: #c0c0c0;\">von Gerd Conradt<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">1955 kam ich aus Th\u00fcringen nach West-Berlin, 1961 erlebte ich dort den Bau der Mauer. Hilflos sahen wir zu, wie mitten durch die Stadt eine Trennlinie gezogen wurde. In den Jahren davor war ich oft in Ostberlin gewesen, hatte alte und neue Freunde besucht, g\u00fcnstig B\u00fccher und Lebensmittel erworben, war zum Essen gegangen oder zum Fris\u00f6r, hatte meine Filme entwickeln und Fotos abziehen lassen \u2013 alles f\u00fcr einen Tauschkurs von 1:5 \u2013 eine Westmark f\u00fcr f\u00fcnf Ostmark. F\u00fcr uns Westberliner war die Mauer gewiss weniger schlimm als f\u00fcr die Menschen in der DDR. Wir konnten zwar nicht mehr nach Ostberlin oder ins Umland, aber dennoch in die weite Welt reisen, per Transit mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug. Wir arrangierten uns mit der bestehenden Situation, die Stadt wurde subventioniert, die Bewohner bekamen zu ihrem Lohn eine Berlinzulage. Viele, die keinen Wehrdienst leisten wollten, zogen nach West-Berlin.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\"> 1968 brodelte die Stadt \u2013 ich war mit dabei. Wir liefen mit roten Fahnen durch Westberlin, was viele konservative Westberliner B\u00fcrger erz\u00fcrnte. Besucher f\u00fchrten wir selbstverst\u00e4ndlich zur Mauer. Man stellte sich auf eine der Aussichtsplattformen, die es entlang der Mauer in West-Berlin gab, und schaute mit Trauer und Mitgef\u00fchl hin\u00fcber zu den \u201eBr\u00fcdern und Schwestern\u201c im anderen Teil der Stadt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c0c0c0;\"> Im September 1986, anl\u00e4sslich des 25. Jahrestags des Mauerbaus, wollte ich mit einem Film einen k\u00fcnstlerischen Beitrag leisten, der diesen absurden Zustand aufzeigen sollte. Bei meinen Spazierg\u00e4ngen an der Mauer hatte ich in Neuk\u00f6lln eine Situation entdeckt, die es in Berlin nur noch selten gab: zwei sich gegen\u00fcberstehende H\u00e4user wurden durch die inmitten der Stra\u00dfe verlaufende Mauer getrennt. Ich fragte mich, wie das wohl sei, wenn man aus dem Fenster in eine Wohnung schaute, die in einem anderen Staat lag, wenn man sozusagen \u00fcber den \u201eEisernen Vorhang\u201c in das Alltagsleben im sozialistischen Deutschland blickte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c0c0c0;\"> Ich hatte erfahren, dass Besucher zumeist maximal zehn Minuten auf einer Aussichtsplattform verweilten und von dort nach Ost-Berlin schauten. Aus dieser Beobachtung heraus entstand die Idee, einen Zeitraffer-Film zu machen, der in zehn Minuten zw\u00f6lf Stunden eines Tages zeigen sollte. In dem Haus auf der Westseite suchte ich mir eine Wohnung, aus der ich \u2013 \u00fcber die Mauer hinweg \u2013 zum Osthaus blicken konnte. Zw\u00f6lf Stunden lang machte meine 35-mm-Filmkamera ein Bild pro Sekunde. Daraus entstand der Film Ein-Blick, der eine L\u00e4nge von zehn Minuten hat.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c0c0c0;\"> Zu unserer Freude schien an diesem Tag die Sonne. Die Bewohner des Osthauses, aber auch die Volkspolizisten aus dem Wachturm in unmittelbarer N\u00e4he zu beiden H\u00e4usern, sahen die gro\u00dfe Kamera und vermuteten, dass etwas Besonderes passieren w\u00fcrde. Die Menschen im Ostberliner Haus, die m\u00f6glicherweise immer nur f\u00fcr kurze Zeit auf ihren Balkonen sein durften, dachten sich Anl\u00e4sse aus, um das vermeintliche Ereignis besser miterleben zu k\u00f6nnen: sie pflanzten Blumen um, h\u00e4ngten W\u00e4sche, legten Bettzeug zum L\u00fcften heraus, stellten einen Kinderwagen auf den Balkon, standen rauchend am offenen Fenster\u2026 All dies schien wie in einem absurden Theaterst\u00fcck.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c0c0c0;\"> Die Volkspolizei war verst\u00e4ndlicherweise aufgeregt. Wir wurden von ihr beobachtet und fotografiert, sie telefonierten: \u201eHallo, hier ist der Gefreite M\u00fcller, ich sehe da oben in einem Haus in West-Berlin eine gro\u00dfe Kamera! Was sollen wir tun?\u201c. Offiziere kamen und gingen. Sie blickten ungl\u00e4ubig nach oben zu unserer Kamera, die nichts weiter tat, als sie ihrerseits zu beobachten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Der \u201eSlapstick-Charakter\u201c des Films unterstreicht die Unwirklichkeit der Situation. Menschen rennen, Wolken fliegen, auf- und abschwellende Schatten dramatisieren das Geschehen. Die Mauer und ihre Bewacher, die Volksarmisten, die mit einem Trabbi vorfahren, erscheinen wie Figuren aus der popul\u00e4ren DDR-Sendung Sandm\u00e4nnchen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Der Film wurde zu einem einzigartigen Dokument, der durch seinen Stil eine historische Situation zeigt und kommentiert, die politisch, milit\u00e4risch und \u00e4sthetisch einmalig auf der Welt war, da sie nicht nur Berlin, sondern zugleich die gesamte Welt in zwei gro\u00dfe Machtbl\u00f6cke teilte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c0c0c0;\"> Der Pianist Frederic Rzewski unterstreicht den aufkl\u00e4rerischen Charakter des Films durch seine selbst gespielte Komposition nach dem Thema des Volksliedes \u201eDie Gedanken sind frei\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c0c0c0;\">\u00a9 Gerd Conradt 2014<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BRD 1987, R: Gerd Conradt, K: Carlos Bustamante, M: Frederic Rzewski, 10&#8242;, Grenzalltag an der Elsenstra\u00dfe 41. 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