FRAGMENTS OF YESTERDAY

Fragments of Yesterday – Securing Evidence

Ein künstlerisches wissenschaftliches Forschungsprojekt von Jan Henselder

Nach dem Mauerfall wurde die Spandauer Vorstadt zu einem Anziehungspunkt für Künstler, Aussteiger, Visionäre und Hedonisten. In der Mitte Berlins entstand ein Freiraum, in dem vieles möglich schien. Leerstehende Gebäude wurden besetzt, neue Lebensformen ausprobiert und die Grenzen zwischen Kunst, Alltag und Selbstinszenierung täglich neu verhandelt.

Die enttäuschte Aufbruchstimmung der Friedlichen Revolution traf auf die DIY-Mentalität einer von Post-Punk, Hausbesetzungen und Kunst geprägten Generation,. Für einen kurzen Moment schien eine andere Gesellschaft denkbar – und vielleicht sogar machbar.

Doch die Aufbruchzeit war nur von kurzer Dauer. Mit dem wirtschaftlichen und sozialen Wandel veränderte sich auch die Stadt. Aus Freiräumen wurden Immobilienprojekte, aus improvisierten Orten wurden begehrte Adressen und aus einer lebendigen Subkultur wurde zunehmend der vermarktbare Mythos der Vergangenheit.

Was bleibt von dieser Zeit?

Welche Spuren hat sie hinterlassen?

Und was lässt sich heute noch aus den Hoffnungen und Widersprüchen jener Jahre lernen?

Spuren einer verschwundenen Stadt

Fragments of Yesterday geht diesen Fragen anhand von Fotografien, Dokumenten, Fundstücken und persönlichen Erinnerungen nach. Das Projekt untersucht, wie sich der gesellschaftliche Wandel in Bildern und Dingen eingeschrieben hat und was verloren geht, wenn sich Orte und ihre Bedeutung verändern.

Die Materialien erzählen nicht nur von einer vergangenen Epoche. Sie dokumentieren auch eine persönliche Geschichte, die eng mit den untersuchten Orten verbunden ist. Erinnerungen und historische Zeugnisse treffen aufeinander, ergänzen sich und widersprechen einander. So entsteht kein geschlossenes Bild der Vergangenheit, sondern eine Sammlung unterschiedlicher Perspektiven.

Die Lücken gehören dazu. Nicht alles lässt sich rekonstruieren, manches bleibt unklar und anderes ist unwiederbringlich verschwunden. Anstatt die Unvollständigkeit aufzulösen, macht das Projekt sie zum Ausgangspunkt seiner Arbeit.

Fragmente werden gesammelt, untersucht und in neue Zusammenhänge gebracht. Oft sind es die unscheinbaren Dinge, die einen anderen Blick auf die Geschichte ermöglichen. Sie erzählen von alltäglichen Erfahrungen, von gescheiterten Hoffnungen und von Lebensentwürfen, die in den großen historischen Erzählungen kaum vorkommen.

Sammeln gegen das Vergessen.

Sammeln und Bewahren ist mehr als Dokumentation. Es ist auch ein Versuch, dem Verschwinden etwas entgegenzusetzen.

Wenn Orte verschwinden, verändern sich nicht nur Stadtbilder. Mit ihnen gehen auch Erinnerungen, soziale Beziehungen und Möglichkeiten des Zusammenlebens verloren. Zurück bleiben Spuren, die oft erst sichtbar werden, wenn das Vertraute längst verschwunden ist.

Fragments of Yesterday nimmt diese Spuren zum Ausgangspunkt, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und ihre Bedeutung für die Gegenwart zu hinterfragen. Dabei geht es nicht darum, die Geschichte nachträglich zu ordnen oder eine verlorene Utopie wiederherzustellen. Vielmehr sollen Widersprüche sichtbar bleiben und Fragen gestellt werden, die über die damalige Zeit hinausreichen: 

Welche Freiräume brauchen wir? 

Wem gehört die Stadt?

Was geschieht mit gesellschaftlichen Ideen, wenn sie zur Ware werden?

Ein Archiv in Bewegung

Der digitale Forschungsbericht „Fragments of Yesterday – Securing Evidence” versteht sich als virtuelles Archiv, das sich mit jedem neuen Fundstück und jeder neuen Fragestellung verändert. 

Fotografien, Texte, Dokumente und andere Materialien stehen nicht für sich allein. Ihre Bedeutung entsteht auch durch die Verbindungen, die zwischen ihnen sichtbar werden.

Die Beiträge folgen keiner zwingend linearen Erzählung. Sie laden dazu ein, Zusammenhänge zu entdecken, Spuren zu verfolgen und eigene Verbindungen herzustellen. Dadurch bleibt das Archiv unvollständig – und gerade deshalb offen für neue Perspektiven.

Die Arbeit an „Fragments of Yesterday” beschränkt sich nicht auf die Nachwendezeit in Berlin. Sie bildet den Ausgangspunkt für eine weiterführende Beschäftigung mit gesellschaftlichen Umbrüchen, ihren visuellen Zeugnissen sowie den dabei sichtbaren oder verlorenen Geschichten.

Vom Gestern ins Heute.

„Fragments of Yesterday” versteht sich nicht als nostalgischer Blick zurück. Die Nachwendejahre in Berlins Mitte waren der Ausgangspunkt für eine Arbeitsweise, die sich heute auch auf andere Orte und Transformationsprozesse anwenden lässt.

Die visuelle Spurensicherung hilft dabei, Veränderungen genauer zu betrachten. 

Wie entstehen Freiräume?

Wie werden sie genutzt, verändert und schließlich verdrängt?

Welche Spuren hinterlassen wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche? 

Und welche Geschichten geraten dabei in Vergessenheit?

Die Vergangenheit liefert darauf keine einfachen Antworten. Aber ihre Überreste können dabei helfen, die Gegenwart besser zu verstehen.

Deshalb wächst das digitale Archiv weiter. Es nimmt neue Themen auf, verbindet unterschiedliche Perspektiven und hinterfragt seine eigenen Deutungen immer wieder.

Die verlorenen Möglichkeiten der Vergangenheit zurückzuholen, ist unmöglich. Aber wir können ihre Spuren nutzen, um neue Möglichkeiten für die Zukunft zu entdecken.

Jan Henselder

Berlin den 27.10.2026

Weitere Informationen folgen in Kürze.

Kontakt: jh@interscreen.org

Das Projekt wurde durch ein Arbeits- und Forschungsstipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.