DETLEF MATTHES

Schillerstraße, Berlin Pankow 1986, © Detlef Matthes

Schillerstraße, Berlin Pankow 1986, © Detlef Matthes

Die Mauer von der Ostseite

Westberlin, was ist das?, fragte ich mich immer wieder. Irgendwann bekam ich den Einfall mich in die Hochhäuser an der Leipziger Straße in Mitte zu wagen. Ich stieg in die Fahrstühle und fuhr in die obersten Stockwerke. Oben angekommen, entdeckte ich an der südlichen Stirnseite kleine Balkone, von denen man atemberaubende Blicke nach Westberlin hatte.

Mit meiner EXA 1b verknipste ich einen Film nach dem anderen. Etwas entdeckt zu haben, dass von unten niemand so sehen kann, war erhebend und bedrückend zugleich. Ich konnte zwar weit nach Westberlin reinschauen doch gleichzeitig war dieses Westberlin unerreichbar weit entfernt. Ich wollte mehr von diesem unbekannten Westberlin sehen und wissen.

Der Ostberlin-Tourist-Stadtplan ließ Westberlin nur als einfarbige Fläche mit ein paar unbenannten Straßenzügen und dem Schriftzug WESTBERLIN erscheinen. Es war ein weißer Fleck auf der Karte. Das machte es für mich nur noch interessanter hatte ich doch mit eigenen Augen gesehen, dass Westberlin keine einfarbige Fläche war.

Während es in Westberlin ein Leichtes war direkt bis zur Mauer zu gelangen und sie zu fotografieren oder an ihr Performances abzuhalten, war es auf Ostberliner Seite gefährlich sich der Mauer zu nähern, geschweige denn, sie zu fotografieren.
Das dies verboten war bekam ich dann auch vom Fotografen in Biesenthal, dem ich meine Filme zum entwickeln brachte, zu hören. Er meinte dass ich keine Fotos von Grenzsicherungsanlagen machen dürfe und händigte mir nur die entwickelten Negative ohne Abzüge aus. Ich musste also eine neue Möglichkeit finden wie ich künftig meine Filme entwickeln und vergrößern lassen konnte. Zuerst nahm ich die Hilfe eines Bekannten in Anspruch, der mir einige meiner Fotos bei sich entwickelte und vergrößerte. Doch schon bald wollte ich das selbst übernehmen. Als in meiner Berufsschule ein Fotokurs angeboten wurde nahm ich dieses Angebot an.

Oft war ich allein im Fotolabor und sah meine Positive im Entwicklerbecken entstehen. Das waren aufregende und gleichzeitig kritische Momente, denn ich wußte ja nicht, wann der Laborleiter hineinkommen würde. An den Wochenenden fuhr ich nach Berlin und entdeckte immer wieder neue Mauerecken, an denen ich meine Fotos machen konnte.

Detlef Matthes, Juli 2014

Detlef Matthes wurde 1987 wegen eines Erlebnisberichtes über die Unruhen zu Pfingsten 1987 in Ostberlin verhaftet. Seine Mauerbilder wurden bei der anschließenden Hausdurchsuchung von der Stasi beschlagnahmt. 1988 wurde er aufgrund seines Übersiedlungsantrages aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen. Bei der Sichtung seiner Stasiakte 1995 tauchten seine Mauerbilder wieder. Heute lebt er in Kreuzberg und leitet Hinterlandmauertouren.